„Alle fanden unsere Idee gut, meinten aber, es sei ein Traum“

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  • 12. Oktober 2017

Dr. Ümit Koşan (52) ist Bundesvorstand des Bundesverbands Netzwerke von Migrantenorganisationen e.V. (NeMO) und Geschäftsführer des VMDO e.V. – Verbund soziokultureller Migrantenorganisationen Dortmund.

Dr. Kristin Wenzel: Worin sehen sie den Auftrag des Bundesverbands?
Dr. Ümit Koşan: Unser Auftrag ist es, interkulturelle Verbünde als tragende Kraft für die kommunale Arbeit nachhaltig zu installieren. So können wir langfristig eine funktionierende Struktur für die Bundesverbandsarbeit etablieren. Dass wir den Bundesverband der lokalen Netzwerke von Migrantenorganisationen ins Leben gerufen haben, hat zweierlei Gründe.  Nach innen wollen wir die Arbeit der lokalen Verbünde unterstützen. Dazu gehört der Erfahrungsaustausch, die Entwicklung von Handlungshilfen oder die kontinuierliche Information über migrationspolitische Entwicklungen. Gleichzeitig werben wir für den migrationspolitischen Ansatz lokaler Verbünde und begleiten und beraten Verbünde im Aufbau. Nach außen gerichtet sind wir eine „Stimme“ für die Anerkennung und Förderung lokaler Verbünde sozio-kultureller Migrantenorganisationen (MO) auf Landes- und Bundesebene. Wir sind überall dort, wo es auf Bundesebene um die Interessen von Menschen mit Einwanderungsgeschichte geht. Ihre Erfahrung aus der lokalen Verbundarbeit bildet den Ausgangspunkt für unsere Forderungen.

KW: Wie gestaltet sich dieser Prozess?
ÜK: Weil wir einen neuen Weg gehen, der bis jetzt nicht erprobt ist, ist es mitunter mühsam. Unser ursprünglicher Entstehungsgedanke ist ein rein struktureller. Uns geht es darum, die Beteiligung im Hinblick auf eine umfassende Teilhabe vor Ort zu fördern. Nur so lässt sich das Mitspracherecht in der Kommune realisieren.

KW: Die kulturpolitische Verankerung ist ein Handlungsfeld des Bundesverbands. Was sind Ihre Forderungen?
ÜK: Es geht um eine Beteiligungsform, innerhalb derer MO festlegen, was aus ihrer Sicht wichtig ist und wie sie sich einbringen können. Wir wollen in Zusammenarbeit mit Kulturinstitutionen sichtbar werden. Wir wollen eine kulturbezogene Austauschplattform, an der die lokalen Verbünde teilnehmen, um kooperativ die Interessen eines gemeinsamen kulturpolitischen Ansatzes zu entwickeln. Wichtig hierfür ist ein offenes Kulturverständnis, das in ein gesamtheitliches kulturpolitisches Konzept verankert ist.

KW: Was ist Kultur für Sie?
ÜK: Kultur ist für mich etwas Dynamisches, das nichts mit Schubladen zu tun hat, sondern unterschiedliche Lebensstile von Menschen in einer Gesellschaft erlebbar macht. Man redet nicht über eine Kultur, sondern von unterschiedlichen Kulturwelten. Diese vielfältigen Kulturwelten müssen sicht- und erlebbar werden. Kultur bringt unterschiedliche Strukturen und Menschen zusammen, um aus all dem Neues zu schaffen. Kulturinstitutionen sollten daher Orte sein, die Perspektiven über das gemeinsame Zusammenleben entwickeln, Vielfalt aufgreifen, fördern und sichtbar machen. Das ist eine wichtige Aufgabe – aber nicht allein ihre, sondern auch unsere. Die Beteiligung von Menschen mit Migrationsgeschichte ist essentiell und eine interkulturelle Öffnung zwingend notwendig. Zentral sind dabei Ansätze, die zeigen, dass lokale Kulturkonzepte einen per se integrativen Ansatz haben. Derzeit diskutieren wir mit unseren beteiligten lokalen Partnern, inwieweit Kultur als Integrationselement übergreifend akzeptiert ist.

KW: Fallen Ihnen gerade gelungene Beispiele ein?
ÜK: Wir haben einige lokale Verbünde, die besonders aktiv sind, weil sie gute Strukturen und innovative Ansätze entwickelt haben: Forum der Kulturen e.V. in Stuttgart, Haus der Kulturen e.V. in Braunschweig oder der Raum der Kulturen e.V. in Neuss. Zuletzt haben das Forum der Kulturen Stuttgart e.V. und das Haus der Kulturen e.V. in Braunschweig zusammen mit dem Bundesweiten Ratschlag Kulturelle Vielfalt und weiteren Kooperationspartnern den 6. Bundesfachkongress Interkultur veranstaltet. Die Zusammenarbeit mit den etablierten Kultureinrichtungen ist ein wichtiger Bestandteil. Schließlich bekommen sie für ihre erfolgreiche Kulturarbeit kommunale Förderungen. Weitere Beispiele sind die Wanderausstellung „Onkel Hasan und Generationen der Enkel“ vom VMDO e.V. in Dortmund, die Ausstellung „Sichtwechsel“ von MiSO Netzwerk Hannover oder auch das große Sommerfest vom Forum der Kulturen e.V. in Stuttgart.

KW: Welche Rolle spielen Migrantenorganisationen im Bereich politische Bildung?
ÜK: Zu politischer Bildung gehört für mich die aktive Teilnahme an den politischen Geschehnissen vor Ort, um die eigenen Rechte, Möglichkeiten und Einschränkungen zu hinterfragen. Kommunales Wahlrecht thematisieren oder das Recht auf Bildung. Wie können wir diese Themen vor Ort politisch verankern? Wir können auf zwei Weisen agieren: Übergreifend mobilisieren, aber auch ein Handlungsprogramm entwickeln, wo die Vertreter verschiedener Communities sich politisch einbringen. Wir haben festgestellt, dass die lokalen Partner, die bildungspolitisch aktiv sind, das Zusammenleben vor Ort besser gestalten. Politische Bildung folgt daher auch aus der lokalen Verankerung. Dennoch diskutieren wir als Bundesverband immer wieder auch unsere Aufgabe zur Teilhabe: Wie können wir den Beteiligungsprozess definieren und gleichzeitig diesen selbstdefinierten Prozess übergreifend mit einem gemeinsamen Ansatz vor Ort klären? Das betrifft die schulische Bildung, Erwachsenenbildung, Arbeitslosigkeit bis hin zu Rassismus im Alltag. Ganz besonders die MO in den neuen Bundesländern beschäftigen sich mit diesem Thema aus dem reellen Lebensalltag heraus. Genauso aber auch eine quartiersbezogene Mitgestaltung, die ich als entscheidend im Hinblick auf politische Bildung, aber auch Kulturarbeit verstehe.

KW: Wie schaffen es MO innerhalb der Stadtgesellschaft nachhaltige Strukturen zu etablieren?
ÜK: Für uns muss sich ein Verbund mit der Stadtgesellschaft, deren Vielfalt aber auch den unterschiedlichen Lebensformen identifizieren. Lokale Verbünde setzen da an, wo Alltag beginnt. Dazu gehört es, ein Teil der Gesellschaft zu sein und Lösungen, Ideen und Angebote zu entwickeln, die das Zusammenleben fördern. Aber, und das ist wichtig, die Programme sollen nicht ausschließlich migrantisch organisiert sein, sondern als gemeinsames Thema der Stadtgesellschaft. Eine Stadtgesellschaft ist sichtbar, wenn kulturelle Vielfalt gelebt wird. Wie das Haus der Vielfalt in Dortmund, das zu den Kulturbetrieben der Stadt Dortmund gehören sollte. Wenn wir hier angekommen wären, bräuchten wir keine gesonderten Räume mehr. Vielmehr würde alles viel enger mit allem zusammenhängen. Ich wünsche mir, dass der Bundesverband nicht nur eine Interessenvertretung von lokalen MO ist, sondern es schafft, vor Ort eng mit Organisationen deutscher Herkunft zu verschmelzen. Dann reden wir nicht mehr explizit von einem Bundesverband von Migrantenorganisationen, sondern von vor Ort tätigen soziokulturellen Organisationen.

Das Interview ist erschienen in der
Zeitschrift SOZIOkultur 2-2017