Migrantenorganisationen in Baden-Württemberg vernetzen sich für mehr politische Teilhabe

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  • 26. November 2019

Für Migrant*innenorganisationen in Baden-Württemberg war der 23. November 2019 ein historischer Moment: Zum ersten Mal kamen Vertreter*innen aus mehr als 120 Vereinen, Organisationen und Initiativen des Bundeslandes zusammen: Um sich für künftige Kooperationen zu vernetzen, über Herausforderungen und Ziele ihres politischen Engagements zu diskutieren – und vor allem: Um gemeinsam mehr Teilhabe auf allen Ebenen ihres Bundeslandes zu erreichen.

Zur ersten landesweiten „Fachtagung Migrantenorganisationen in Baden-Württemberg“ eingeladen hatte unser Verbund Forum der Kulturen Stuttgart und das Ministerium für Soziales und Integration Baden-Württemberg“, das als Vertreter*innen sowohl den Minister Manne Lucha als auch Minsterialdirigentin Birgit Locher-Finke schickte. „Wir sehen die zentrale Rolle von Migrantenorganisationen bei der Gestaltung der Gesellschaft“, sagt Birgit Locher-Finke gleich bei der Begrüßung der insgesamt 400 Teilnehmenden aus Migrantenorganisationen und Vertreter*innen aus Kommunen und Kulturinstitutionen. Und der baden-württembergische Sozialminister sieht in einer verbesserten Zusammenarbeit mit Migrantenorganisationen „ein Gegenmodell zu Ausgrenzung.“

Deren Leistungen für die Gesellschaft würden viel zu oft unterschätzt und ihre Rolle auf Kochen und Tanzen reduziert, betonte Sami Aras, Vorsitzender des Forums der Kulturen. Das zu ändern, ist das Ziel des Landesprogrammes „Gesellschaftlicher Zusammenhalt“, das ab Anfang 2020 Tandems aus Migrantenorganisationen und Kommunen dabei fördert, Zusammenarbeit auszubauen. Bei der Umsetzung unterstützt und begleitet das Forum der Kulturen Stuttgart, das Ausschreibungsverfahren startet am 1. Januar.

Die Tagung war ein mehr als gelungener Auftakt für mehr Vernetzung, Austausch und neue Ideen.

„Teilhabe ist, wenn alle an einem Tisch sitzen“, sagte Aladin El-Mafaalani vom Lehrstuhl für Erziehung und Bildung in der Migrationsgesellschaft an der Universität Osnabrück. Damit verwendete er ein Bild, das sich durch den gesamten Tagungstag zog: Wie komme ich an den Tisch, wenn mir jemand den Zugang verwehrt? Was fordere ich dort und für wen spreche ich?

Darüber tauschten sich die Teilnehmenden in vier Workshops mit Fragestellungen zu „Engagement im ländlichen Raum“, „Kooperation zwischen Vereinen und Kommunen“, „Politisches Engagement“ und „Was benötigen Migrantenorganisationen für ihr bürgerschaftliches Engagement?“ aus.

„Wer am Tisch sitzt, wird ernst genommen – hat aber keinen Welpenschutz mehr“ – auch das hatte Soziologe und Bestseller-Autor El-Mafaalani betont. Es werde unbequem am Tisch, weil zum Beispiel Wohlfahrtsverbände Migrantenorganisationen in dem Augenblick als Konkurrenz erkennen, in dem sie wirklich in Augenhöhe auftreten und handeln. Zurecht verhandelte die dritte Generation von Menschen mit Migrationsgeschichte auch nicht mehr über ihr Recht auf einen Platz am Tisch und einen Teil vom Kuchen, sondern stelle auch dessen Rezept in Frage. „Das führt dann oft auch zu Generationenkonflikten innerhalb von Migrantenorganisationen.“

Um am Tisch Kuchen und Rezept zu gestalten gibt es in Baden-Württemberg viel zu tun, zeigten die Ergebnisse der Workshops: Zu häufig übernehmen Kommunen Aufgaben ohne Einbeziehung migrantischer Vertreter*innen und sollten die Schlüsselpersonen identifizieren und auch die Einstellungspolitik ihrer Verwaltungen überdenken. Vielen Migrantenorganisationen fehlt der Austausch von Wissen und Informationen, daher wünschen sich viele einen Dachverband und die Möglichkeit, sich auszutauschen – auch, um die komplizierte Förderlandschaft zu durchdringen, sich zu professionalisieren und hauptamtliche Strukturen aufzubauen – was das Arbeiten und die Position am „Tisch“ leichter und besser möglich macht. Auch das fehlende Wahlrecht auf kommunaler wie überregionaler Ebene wurde kritisiert. Mehr über die Ergebnisse der Tagung gibt es auf den Seiten des Forum der Kulturen:

„Am Tisch muss Platz gemacht werden“, fassten am Ende des Tages Beatrix Butto vom Forum der Kulturen Stuttgart und Ministerialdirigentin Birgit Locher-Finke zusammen. Daraus entstünden auf beiden Seiten Anforderungen, für die in ihrem Bundesland mit der Tagung ein großer Schritt nach vorne gemacht wurde. „Wir wollen Kommunen ermutigen, Experten aus Migrantenorganisationen zu finden und die Menschen zusammenzubringen“, sagte Beatrix Butto zum Abschluss. „Wertschätzung ist immer auch Beziehungsarbeit.“

Foto: Jan Potente/Ministerium für Soziales und Integration Baden-Württemberg