Stellungnahme zum Integrationsgipfel am 2. März

  • 0
  • 4. März 2020

Die stellvertretende Vorsitzende Dr. Elizabeth Beloe hat als Vertreterin des BV NeMO beim 11. Integrationsgipfel teilgenommen. Foto: Integrationsbeauftragte/Coddou

Der Bundesverband Netzwerke von Migrantenorganisationen (BV NeMO) steht für eine breite Erfahrung in sehr konkreter Arbeit vor Ort, insbesondere auch mit Menschen mit Einwanderungs- und Fluchtgeschichte. Er steht für mittlerweile 20 lokale Verbünde und deren mehr als 700 Mitgliedsorganisationen und sein Projekt Samo.fa  (Stärkung von Aktiven aus Migrantenorganisationen in der Flüchtlingsarbeit) in 34 Städten quer durch Deutschland.

Vorintegration hat für uns den problematischen Klang einer an postkoloniales Denken erinnernden Abschöpfung der Qualifiziertesten aus den Ländern des globalen Südens, und damit eines Teils ihres potenziellen Reichtums. Es sollte jedoch darum gehen, zugleich dort die Migrations- und Fluchtursachen zu bekämpfen. Hierzu bieten die bei uns mitarbeitenden Organisationen mit Wurzeln in diesen Ländern schon seit Langem Unterstützung an, werden als Partner „auf Augenhöhe“ aber bisher kaum anerkannt und einbezogen. Vorintegration wird im Übrigen wenig bringen, wenn die Menschen, die kommen, hier Diskriminierung und Rassismus erwartet. Die Stärkung der antirassistischen Aktivitäten nach innen  – durch Aufklärung, Vorbeugung und gezielte Bekämpfung – ist deshalb ein wesentlicher Baustein jeder Strategie einer nach außen gerichteten Fachkräftesicherung.

In Hinblick auf den Fachkräftemangel ist es also aussichtsreicher und auch humaner, die Potenziale zu heben und systematisch zu fördern, die es hier bereits gibt, also der Menschen, die hier ihren Lebensmittelpunkt haben. Der von der Integrationsbeauftragten im Dezember 2019 vorgelegte 12. Migrationsbericht zeigt noch einmal in aller Deutlichkeit, was wir schon lange wissen: dass viel zu viele Menschen aus Familien mit Einwanderungsgeschichte, von denen ein erheblicher Teil schon seit Jahrzehnten in Deutschland lebt, in der Schule, in Ausbildung und auf dem Arbeitsmarkt benachteiligt sind. Sprich: deren Potenzial nicht zur Geltung kommt.

Diese Frage – wir würden sagen: dieser Dauerskandal – ist, wie wir wissen, ebenfalls Gegenstand einer der Phasen des NAP-I und war auch schon Thema auf einem Integrationsgipfel. Nun sind wir aber mehrere Jahre weiter und die Kenntnisse, Erfahrungen und Kompetenzen, wie dieses hier ansässige Potenzial gefördert werden kann, haben sich vertieft und vervielfältigt, insbesondere auch bei den Migrantenorganisationen, die sich in diesem Feld engagieren. Übrigens gilt dies auch für Menschen mit Fluchtgeschichte, deswegen treten wir auch nachdrücklich für eine gesetzlich geregelte Option auf  „Spurwechsel“ ein.

Wir – die Migrantenorganisationen – leisten in diesem gesamten Feld einen wesentlichen Beitrag, weil wir nahe bei den Menschen sind, um die es geht. Und auch hier gibt es in Hinblick auf „Augenhöhe“ erhebliche Defizite. Wir fordern einen neuen Aufbruch für Teilhabe zur Förderung dieses Potenzials, was zugleich eine wesentliche Verbesserung der Lebensqualität unserer Mitbürger*innen aus Familien mit Einwanderungsgeschichte ist. Für einen Pakt mit diesem Ziel und dessen Umsetzung bieten wir ausdrücklich unsere konzeptionelle und praktische Mitwirkung an.